Benimm-Regeln aus dem deutschen Hinterland

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Die Odenwälder Gemeinde Hardheim bekommt derzeit viel Zuspruch für ihre „Benimmregeln für Flüchtlinge“. Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie in der aktuellen Debatte über das „Fehlverhalten“ von Geflüchteten die deutsche Realität in den letzten 30 Jahren verklärt wird. Denn in der fast schon humoristisch anmutenden Aneinanderreihung rassistischer Klischees wird impliziert, dass Deutschland vor der „Flüchtlingskrise“ ein Paradies auf Erden war: sauber, sicher und respektvoll im Umgang miteinander.

In welchem Deutschland war das nochmal gleich?? In dem Deutschland, in dem ich seit 36 Jahren lebe, werden Frauen jedes Wochenende erneut von besoffenen Fußballfans oder Volksfestheimkehrern im Zug angepöbelt, auf Werbeflächen und im deutschen Abendfernsehen als Sexobjekte dargestellt und auf dem Arbeitsmarkt wahlweise ausgeschlossen oder finanziell diskriminiert. Nicht-weiße Menschen werden von der Polizei systematisch kontrolliert und schikaniert, in vielen Gegenden von Nazis in Angst und Schrecken versetzt (wahlweise auch zusammen mit der Polizei) verprügelt, ermordet, ihre Wohnungen angezündet, während Männer mit Deutschlandtrikot daneben stehen und applaudieren. Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird zuerst der Zugang zu Bildung, dann zur Disco und schließlich zum Arbeitsmarkt verwehrt. Das saubere Deutschland hat dreckige Industriezweige einfach ins Ausland verlagert, die gesamte Mittelmeerregion wurde massiv durch deutsche Urlauber zugemüllt, deutscher Atommüll ins Ausland gekarrt. Im laizistischen Deutschland wurden Kopftücher verboten, Kreuze in Klassenzimmer gehängt, Tanzverbote am Karfreitag erlassen, Steuergelder für den Kirchentag ausgegeben, der Bau von Moscheen verboten, Hakenkreuze an jüdische Friedhöfe geschmiert. Auf auf der Wasen oder der Wiesn wird über „Türken und Neger und Schwule“ hergezogen, tonnenweise Bier in der Öffentlichkeit gesoffen, den feschen Mädels in den Ausschnitt gestarrt, Judenwitze gemacht, auf dem Heimweg in den Park uriniert (wahlweise auch gerne mal die die S-Bahn, deren Klo defekt ist), vom großdeutschen Reich geträumt und danach zuhause die Frau verprügelt.

Wer tatsächlich behauptet, Deutschland war vor dem aktuellen Zuzug vieler Geflüchteter sauber(er), sicher(er) und respektvoll(er), der ist nicht als Mensch mit Migrationshintergrund, Muslim, Jude, Person of Color oder Frau in Deutschland aufgewachsen, sondern als weißer, wohlhabender Mann im deutschen Hinterland.

Ja, es wird eine enorme Herausforderung, die durch Migration (endlich!) entstehende Vielfalt in Deutschland zu ihrem positivem Potenzial zu verhelfen. Aber dazu müssen wir zu aller erst einmal aufhören so zu tun, als ob unser deutsches Hinterland das Maß der Dinge sei, an dem die Welt genesen soll.

Erschienen auf: www.nowherenotes.de

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