wat

Zum Weltflüchtlingstag 2015

Flattr this!

Zum UNHCR Weltflüchtlingstag 2015:
Deutschland die Luft aus dem Schlauchboot lassen!

von Ajit Johannes Thamburaj

Stellen Sie sich vor, die gesamte Bevölkerung Deutschlands nördlich des Weißwurstäquators wäre auf der Flucht. 60 Millionen Deutsche, kurz davor die Grenze nach Frankreich zu überrennen oder in einem Schlauchboot über die Nordsee nach Malmö zu fliehen. Ich müsste mir aller Wahrscheinlichkeit nach keine Sorgen mehr um die Zukunft der Menschheit machen, da sie sich in einem daran anschließenden Weltkrieg selbst auslöschen würde.

Nun, 60 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Auf der Flucht vor den Kriegen im Nahen und Mittleren Osten, in Zentralafrika. Auf der Flucht vor Kleinwaffen „made in Germany“. Auf der Flucht vor Verfolgung und Unterdrückung, auf der Flucht vor Hunger und Unterernährung. Immer öfter ist das bittere Ende der Flucht hier in Deutschland.

Laut einer Umfrage der Meinungsforschungsgruppe Statista sehen 94 % der Deutschen „vom Krieg oder Bürgerkrieg geflohen“ prinzipiell als legitimen Fluchtgrund an.(1) Des Weiteren würden stattliche 83% sogar „wegen Hunger- oder Naturkatastrophen geflohen“ als Fluchtgrund akzeptieren. Hunger tötet eben genauso wie eine Kugel. Da ist wohl doch etwas von den televisierten Hungerkatastrophen in Ostafrika 2006 und 2011 hängengeblieben. Puh – Gutes Deutschland.

Doch dann lese ich weiter: Gerade mal noch für 41% der Befragten sei „Keine Arbeit und kein Auskommen im Heimatland“ ein legitimer Fluchtgrund. Deutsche Großzügigkeit ade.

Zu viele Prozentzahlen…? In Worten ausgedrückt klingt das dann bei dem CDU Bundestagsmitglied Kai Wegener so: :„Wir dürfen nicht zulassen, dass eine große Zahl von Wirtschaftsflüchtlingen die gesellschaftliche Akzeptanz für wirklich politisch Verfolgte untergräbt.“(2)

W-i-r-t-s-c-h-a-f-t-s-flüchtlinge. Was mich – abgesehen von der menschenverachtenden Kälte im Subtext solcher Aussagen am meisten frösteln lässt – ist die Aussage, die sich zwischen solchen Zahlen versteckt: Wenn für 83% der Befragten Hungerkatastrophen ein Fluchtgrund ist, 59% aber der Meinung sind, dass, „keine Arbeit und kein Auskommen“ , kein Grund zum Fliehen sind, sagt das viel über unsere verzerrte Wahrnehmung von Hunger aus. „Keine Arbeit und kein Auskommen“ ist nämlich in den meisten Teilen dieser Welt gleichbedeutend mit chronischer Unterernährung – jener schleichenden Form von Hunger, unter dem weltweit über 1 Mrd. Menschen (die Bevölkerung von Europa und der USA zusammen!) leiden und an der pro Tag 25.000 Menschen sterben.(3)

Neben bewaffneten Konflikten sind vor allem sozioökonomische Faktoren wie der mangelnde Zugang zu Land, Wasser und Saatgut für Kleinbauern oder eben die Abwesenheit von Einkommen die Hauptgründe für den „größten Skandal des 21. Jahrhunderts“ (Jean Ziegler). Wenn zusätzlich zu dieser sozioökonomischen Diskriminierung noch Diskriminierungen aufgrund von Gender, „Ethnizität“ oder Religion dazu kommt, ergibt sich ein oft tödlichen Mix struktureller Gewalt, der Menschen keine andere Wahl lässt, als zu fliehen. Erst in die Slums der Städte – dann in die die Nachbarländer. Und nur wenn die Verzweiflung besonders groß ist, nach Europa.

Dazu kommt die desaströse wirtschaftliche Tätigkeit der EU: Agrar-Exportsubventionen, Freihandelsabkommen, Marktöffnung, Strukturelle Auflagen zur Kürzung von Lebensmittelsubventionen und Armutsbekämpfungsprogrammen. Da macht der Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ schon fast wieder Sinn: geflohen vor den Auswirkungen der EU-Wirtschaft.

Ein fatales Beispiel, wie wenig wir sozioökonomische und sogenannte politische Fluchtgründe auseinanderdividieren können, ist auch der Bürgerkrieg in Syrien: So ging dem Beginn der Gewalteskalation 2011 eine 5jährige Dürrekatastrophe voraus (4). Nachdem die Assad-Regierung die (extrem wasserintensive) Baumwollproduktion für den Export ausgeweitet hat, stand für die restliche Landwirtschaft nicht mehr genug Wasser zur Verfügung. 1,5 Millionen Kleinbauern sahen sich gezwungen, in die Städte zu ziehen und sich gegen Assad aufzulehnen. (5) Der Rest ist Geschichte.(6)

Unsere Bilder von Hunger und Flucht entspringen allzu oft noch immer unserem kolonialen Denken, das sich wirklich hartnäckig in der westlichen Kollektivpsyche eingenistet hat. Wer glaubt, dass „Wirtschaftsflüchtlinge“ kein Recht zur Flucht haben, der verkennt die tödliche Realität der von uns jeden Tag mitproduzierten chronischen Unterernährung. Oder aber wir wissen genau Bescheid und sehen die 25.000 Tote pro Tag im Sinne der „lifeboat ethics“ (7) als nötigen Kollateralschaden. Dann nennt mensch so etwas menschenverachtenden Rassismus. Ich würde gerne daran glauben, dass ersteres der Fall ist. Wenn letzteres der Fall ist, dann sollte jemand schleunigst Deutschland die Luft aus den Schlauchbooten lassen.

 

(1) http://de.statista.com/statistik/daten/studie/378984/umfrage/umfrage-zur-akzeptanz-der-fluchtgruende-von-fluechtlingen/

(2) http://www.kai-wegner.de/2015/01/missbrauch-des-asylrechts-durch-wirtschaftsfluechtlinge-abstellen/

(3) Zwar gehen die offiziellen Zahlen von 840 Millionen Hungernden aus, doch die Menschenrechtsorganisation FIAN hat gute Argumente angebracht, dass die tatsächliche Zahl weit über 1 Milliarde liegen könnte. http://www.fian.de/artikelansicht/2014-09-30-die-neuen-hungerzahlen-der-fao-licht-und-schatten/

(4) http://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article205183811/Die-Duerre-vertrieb-1-5-Millionen-Kleinbauern-in-Syrien.html

(5) http://www.spektrum.de/news/wie-der-syrische-buergerkrieg-mit-dem-klimawandel-zusammenhaengt/1335050

(6)  Ich möchte hier klar darauf hinweisen, dass ich nicht für oder gegen Assad Position beziehe. Es geht mir hier nur darum aufzuzeigen, wie komplex das Gemengelage sein kann, dass zu Krieg führt.

(7) http://www.garretthardinsociety.org/articles/art_lifeboat_ethics_case_against_helping_poor.html

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *